Mittwoch Februar 15, 2012 20:33

Die Debatte nimmt ihren Lauf

Posted by jochen

Zum Anfang sollen hier die Artikel von Andrej Holm und Juliane Nagel dokumentiert werden:

Leipzig: Die Gentrifcation-Debatte erreicht Connewitz

Jede Stadt hat ihre Gentrification-Debatte – und auch Leipzig nimmt sich da nicht aus. Nicht mehr, muss es an dieser Stelle heißen, denn jahrelang schüttelten Forschungskolleg/innen, Stadtpolitiker/innen und Aktivist/innen unisono ihre Häupter, wenn das Gespräch auf die Gentrification zu sprechen kam. “Nicht bei uns”, “Wir haben eine Mietermarkt”, “Doch nicht in schrumpfenden Städten…” hieß es von allen Seiten. Fast schien es, als könne Leipzig all die sonst so schlüssigen Thesen von der Gentrification als ‘global urban strategy’ einfach so empirisch widerlegen. Doch seit letztem Sommer fällt auch dieser Zweifel.

Nach Farbbeutelattacken gegen neue Wohnhäuser und ein Kulturzentrum in Connewitz (BILD: “Schmierereien, Zerstörung, Drohungen – und alle schauen weg!“) diskutiert die Szene im Süden der sächsischen Metropole über die Gentrification. Im Conne Island findet heute (31.01.2012) unter dem etwas verwirrenden Titel “Disneyland des Unperfekten” eine Diskussion zu Prozessen der Stadtentwicklung und Verdrängung statt. Bereits im Dezember diskutierten Vertreter/innen verschiedener Bürgerinitiativen und der Stadtverwaltung mit Dieter Rink vom UfZ über “Gentrification in Ostdeutschland? Zu Besonderheiten der Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel“. Und in knapp zwei Wochen (am 14.02.) wird die Debatte von der LINKEN fortgesetzt: “Leipzig: Stadt(teil)entwicklung im Leipziger Süden. Stadt für alle – aber wie?“.

Die Hintergründe dieser aufkommenden Debatte sind jedoch weniger in schwarzen Farbflecken an frisch getünchten Wänden zu suchen, sondern in einer für Leipzig bisher unbekannten Wohnungsmarktdynamik. Tatsächlich steigen die Mietpreise vor allem bei den Neuvermietungen und die Sachsenmetropole gilt, ob ihrer steigenden Bevölkerungszahlen, als attraktives Pflaster für Investitionen in den Wohnungsmarkt.

 

Investoren entdecken den Leipziger Wohnungsmarkt

Das Managermagazin Capital titelte im sogenannten Immobilien-Kompass bereits im vergangenen Jahr: “Luxusprobleme – Die besten Wohnlagen in Leipzig

Preiswerte Altbauten finden sich in Leipzig nicht mehr. Sie sind längst aufwendig saniert worden. Noch gefragter sind schicke Neubauwohnungen, natürlich in Toplagen, am liebsten am Wasser. Nur: Es gibt nicht genug. Die Wirtschaft der Messestadt boomt, die Zuwanderung ist ungebrochen hoch, beides zusammen hat den Immobilienmarkt im vergangenen Jahr weiter angeheizt. Soweit die Kurzfassung.

Besonders hervorgehoben werden in der Capital übrigens  das Musikerviertel (“edel und teuer”), das Zentrum (“Managerkiez”), das Bachviertel (“die meisten Luxusneubauprojekte”), das unvermeidliche Waldstraßenviertel (“große Nachfrage nach Eigentumswohungen”) und die “begehrten Eigenheimlagen in Markleeberg” (Capital, 06/2011, 64 ff.). Attraktive Anlagen werden vor allem im Bereich von Eigentumswohungen und im Neubausegment (Stadtvillen) gesehen. Altbauten lohnen sich mit Mietpreisen über 10 Euro/qm  vor allem in den oben beschriebenen “Top-Lagen”.

Auch für die Südvorstadt rechnet der Immobilien-Kompass mit guten Gewinnaussichten:

Hatte die Südvorstadt bisher auch Wohnlagen für kleine Budgets, bietet sie heute fast ausschließlich guten bis sehr guten Wohnwert. Das Viertel profitiert von seinem Szenecharakter (…) Selbst an ehemals verpönten Hauptstraßen wie der Karl-Liebknecht-Straße ist die Nachfrage so hoch, dass das Angebot kaum ausreicht. Die Mieten erreichen (…) 8,50 bis 9,00 Euro. Hochwertig sanierte Gründerzeitwohnungen kosten bis zu 2.600 Euro pro Quadratmeter. (Capital, 06/2011, 67)

Wo es sich lohnt, in Leipzig zu investieren, zeigt der “Capital-Urteil-Stadtteil-Vergleich“:

Connewitz auf dem Weg zur Hartz-IV-freien Zone

Connewitz findet in den Immobilien-Anlage-Tips der Capital übrigens keine gesonderte Erwähnung und wird als Quartier mit mittlerer Wohnlage (4,00 bis 4,50 Euro/qm) geführt. Auch wenn die klassische Verdrängung durch ‘die Besserverdienenden’ noch kein Thema zu sein scheint, lohnt sich die Beschäftigung mit der Leipziger Wohnungspolitik.

Denn trotz der scheinbar entspannten Lage ist Connewitz schon jetzt für Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften mit ihren viel zu knapp angesetzten Bemessungsgrenzen für die Kosten der Unterkunft zu teuer. Eine Abfrage bei ImmobilienScout24 wies nur 3 (in Worten: drei!) Wohnungen unterhalb der 190 Euro/qm für Einpersonenhaushalte aus. Alle, die für einen Unmzug auf die Zustimmung de Jobcenter angeweisen sind, landen schon jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit in Grünau. Was es mittelfristig bedeutet, wenn sich Wohnungsteilmärkte praktisch für Transferhaushalte schließen, ist leicht zusammenzufassen: die schleichende Veränderung der Sozialstruktur durch den Ausschluss der Armen. Und genau das ist die Seite der Gentrification, über die auch in Leipzig diskutiert werden sollte.

GENTRIFICATION(-DEBATTE) IN LEIPZIG

Unter dem Motto “Disneyland des Unperfekten” lud das Conne Island am 31.1.2012 zur Diskussion zu Prozessen der Stadtentwicklung und Verdrängung. Geladen waren der Stadtsoziologe Andrej Holm und die Geographin Romy Zischner, die aus wissenschaftlicher und politischer Perspektive zu Gentrification referierten.

Seit mehreren Wochen schwelt im Leipziger Süden die Debatte um städtebauliche Aufwertung, Verdrängung von BewohnerInnen und die Sinnhaftigkeit des Protestes dagegen. Farb- und Teerbomben und eine Demonstration gegen das Sanierungsprojekt in der Wolfgang-Heinze-Straße/ Mathildenstraße erhitzten die Gemüter der StadtteilbewohnerInnen jeglicher Couleur. Das frisch sanierte Conne Island selbst war Zielobjekt von Farbbombenwürfen geworden und hatte trotzig reagiert.
Ein Raum für Diskussion war also lange überfällig, was sich auch in der äußert großen BesucherInnenzahl der Veranstaltung am 31.1.2012 zeigte.
Gemeinsam mit dem “alternativen Hausmakler” Roman reflektierte das linksdrehende radio in seiner Sendung am 3.2. die Veranstaltung im Conne Island.
Sind die erhofften Antworten gegeben worden? Ist Gentrification für Connewitz und ganz Leipzig tatsächlich ein Thema? Läßt sich der kapitalistisch motivierten Aufwertung und Verdrängung etwas entgegensetzen?

>>> Gespräch anhören

Links:

– Leipzig: Die Gentrifcation-Debatte erreicht Connewitz (Andrej Holm, 31.1.2012)
– Ankündigung zur Veranstaltung im Conne Island
Bewegung in Leipzig-Connewitz (jule.linxxnet.de, Oktober 2011)
– On the streets… …saving the scene from the forces of evil (Conne Island-Plenum, November 2011)
– Wir gratulieren zu 20 Jahren Inselkoller, Statement des Freundeskreises Dr. Georg Sacke zur Positionierung des Conne Island Plenum (Cee Ieh, Dezember 2011)
– Dorfgemeinschaft Connewitz. Vom Geist der Urbanität und der Ungeistigkeit eines Flugblattes, das das Fürchten lehrt (Cee Ieh, Dezember 2011)

weiteres:
–  Sechs Punkte von Dr. Matthias Bernt um die Verdrängung durch Gentrifizierung zu stoppen (Freie Radios, September 2011)
– Steigende Mieten in Leipzig: Linke beantragen Neuberechnung der Kosten der Unterkunft (Leipziger Internetzeitung, 28.1.2012)
– deinkiez.de, ein Projekt der Interessengemeinschaft Windmühlenstraße

 

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